Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2010 / 06 S. 07

Ablasshandel im Schnellrestaurant

Hamburger plus Medikament?

Mit einem provakanten Vorschlag haben britische Ärzte1 in den vergangenen Wochen die Presse aufgemischt: Fast-Food-Anbieter sollten doch bitte ihren Kunden außer kostenlosen Extras wie Mayonnaise, Ketchup, Salz und Zucker auch ein Medikament zum „Drüberstreuen“ anbieten.

Ein Statin-Präparat zur Senkung des Cholesterinblutspiegels (z.B. Simvastatin) könne die negativen Effekte des Fetts von Hamburgern, Pommes und Milchshakes kompensieren, so die Wissenschaftler. Wer ständig mit ungesunden Fetten aus Fastfood Kalorien scheffelt, erhöht sein Risiko für einen Herzinfarkt.2 Um ihren Vorschlag zu untermauern, haben die britischen Ärzte umfangreiche Daten ausgewertet.3 Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Einnahme eines cholesterinsenkenden Statins theoretisch das zusätzliche Infarktrisiko durch einen großen Hamburger (Quarter Pounder) mit Käse und Milchshake (36 Gramm Gesamtfettmenge) ausgleichen könnte.

Kostenlose Statine für alle?

Kann man nun alle Tipps zur gesunden Lebensführung mit ausgewogener Ernährung und Bewegung über den Haufen werfen? Reicht es, Fastfood und cholesterinsenkende Statine im Kombipack zu verkaufen? Nein, versichern die Wissenschaftler. Nur würden sich eben viele Menschen (trotz besseren Wissens) ungesund ernähren. Denen müsse man helfen. Wenn einerseits eher ungesunde Zutaten wie Mayo, Ketchup, Zucker oder Salz kostenlos gleich an der Theke stehen, könne man ja auch Statine dazu stellen, um den Schaden durch das ungesunde Essen auszugleichen.

Der Vorschlag der Wissenschaftler erscheint uns grotesk. Denn einmal abgesehen davon, ob die Kunden tatsächlich zum Ketchup noch eine Statin- Pille dazu packen würden, beruht die These auf indirekten Vergleichen. Denn die Experten räumen selbst ein, dass es eine Studie, die genau das untersucht, nicht gibt und auch in Zukunft nicht geben wird.

Außerdem: Ist es nicht paradox zu versuchen, einen ungesunden Lebensstil – ein von der Lebensmittelindustrie gemachtes, aber letztlich individuell zu verantwortendes Risiko – durch Arzneimittel „neutralisieren“ zu wollen? Abgesehen davon, dass Statine zwar relativ gut verträglich, aber natürlich auch nicht frei von Nebenwirkungen sind, schaffen Statine eine trügerische Sicherheit. Im Endeffekt führt das vielleicht sogar zu einem riskanteren Verhalten (es ist egal, was ich esse und trinke).

Sollte man das Übel nicht besser an der Wurzel packen und drastisch – wie auf Zigarettenpackungen – mit starken Bildern oder Slogans über die Risiken aufklären? Denn ein gesünderer Lebensstil verringert nicht nur das Risiko für einen Herzinfarkt, sondern auch für Diabetes und vieles andere mehr.

Statine neben ungesundem Essen bereitzustellen, erinnert uns sehr an den mittelalterlichen Ablasshandel für Sünden. Etwas „Schlechtes“ soll durch Zukauf von „Gutem“ neutralisiert werden. Besser wäre doch, gar nicht erst zu „sündigen“! Selbst wenn die Ablasspillen bei McDonald‘s und Co. nichts zusätzlich kosten würden – gesunde Ernährung geht anders.


Quellen
1 Ferenczi, E.A., et al. Am. J. Cardiol. 2010; 106, S. 587
2 Ascherio, A., et al. BMJ 1996, 313, S. 84.
3 Thavendiranathan, P., et al. Arch. Intern. Med. 2006; 166, S. 2307.


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